
„Eine Stunde hinter Mitternacht“ ist Hermann Hesses zweites Buch und sein erstes Prosabuch. Es erschien im Sommer 1899 im Verlag Eugen Diederichs in Leipzig – nur wenige Monate nach Hesses Lyrik-Debüt Romantische Lieder. Das Manuskript war im Winter 1898/99 in Tübingen entstanden, gedruckt wurde es bei W. Drugulin in Leipzig. Den Titel lieferte ein Gedicht aus den „Romantischen Liedern“.
Inhalt: neun Prosaskizzen
Das schmale Buch enthält neun kurze, skizzenhafte Prosastücke. Sie kreisen um traumhaft-mystische Künstlerszenerien, idealisierte Frauenbilder und Inselmotive – darunter Stücke wie „Der Inseltraum“, „Albumblatt für Elise“, „Das Fest des Königs“, „Gespräch mit dem Stummen“ und „An Frau Gertrud“. Es ist eine ästhetisch durchstilisierte, jugendlich-introvertierte Prosa, die der späteren Klarheit Hesses noch nichts gemein hat.
Hesses Geleitwort 1941
In einem Geleitwort zur Wiederveröffentlichung schrieb Hesse 1941 rückblickend:
Was den Titel meines ersten Prosabuches betrifft, so war seine Bedeutung mir selbst wohl klar, nicht aber den meisten Lesern. Das Reich, in dem ich lebte, das Traumland meiner dichterischen Stunden und Tage, wollte ich damit andeuten, das geheimnisvoll irgendwo zwischen Zeit und Raum lag, und ursprünglich sollte es „Eine Meile hinter Mitternacht“ heißen, doch klang mir das gar zu unmittelbar an die „Drei Meilen hinter Weihnachten“ des Märchens an. So kam ich auf die „Stunde hinter Mitternacht“. In den Prosastudien hatte ich mir ein Künstler-Traumreich, eine Schönheitsinsel geschaffen, sein Dichtertum war ein Rückzug aus den Stürmen und Niederungen der Tageswelt in die Nacht, den Traum und die schöne Einsamkeit, und es fehlte dem Buch nicht an ästhetenhaften Zügen. Heute nun scheint mir die „Stunde hinter Mitternacht“ für den Leser, dem es um das Verständnis meines Weges zu tun ist, mindestens ebenso wichtig wie „Lauscher“ und „Camenzind“.
Helene Voigt-Diederichs und die Annahme des Manuskripts
Die Annahme des Manuskripts durch den Verleger Eugen Diederichs verdankte Hesse vor allem der Fürsprache von Helene Voigt-Diederichs – der jungen Frau des Verlegers. Sie hatte sich im November 1897 wegen eines Hesse-Gedichts an den Autor gewandt und mit ihm eine Korrespondenz begonnen, die für Hesses Entwicklung in den Tübinger Jahren prägend war. Diederichs selbst rechnete kommerziell mit wenig: 600 Stück Auflage; er hoffe, dass die Ausstattung den unbekannten Autorennamen paralysiere.
Rilkes Besprechung
Rainer Maria Rilke besprach den Band 1899 ungewöhnlich wohlwollend für einen so jungen, unbekannten Autor:
Die Worte sind wie aus Metall gemacht und lesen sich langsam und schwer. Dennoch ist das Buch unliterarisch. An seinen besten Stellen ist es notwendig und eigenartig. Seine Ehrfurcht ist aufrichtig und tief. Seine Liebe ist groß und alle Gefühle darin sind fromm: es steht am Rande der Kunst.
Häufige Fragen zu „Eine Stunde hinter Mitternacht“
Was ist „Eine Stunde hinter Mitternacht“?
Hermann Hesses erstes Prosabuch von 1899 – eine Sammlung aus neun kurzen, traumhaft-mystischen Prosastücken. Es ist Hesses zweite Buchveröffentlichung nach dem Lyrik-Debüt Romantische Lieder (1898/99) und entstand im Winter 1898/99 in Tübingen.
Wer half bei der Veröffentlichung?
Helene Voigt-Diederichs, die Ehefrau des Verlegers Eugen Diederichs, hatte sich seit November 1897 brieflich mit Hesse ausgetauscht und legte beim Verlag ein gutes Wort ein. Ihre Fürsprache war für die Annahme des Manuskripts entscheidend.
Wie wurde das Buch aufgenommen?
Rainer Maria Rilke lobte das Buch 1899 in einer Besprechung – ungewöhnlich für einen so jungen Autor. Kommerziell verlief die Auflage von 600 Exemplaren schleppend; eine zweite Auflage erschien erst 1941. Hesse selbst beurteilte das Buch ambivalent: 1926 abwertend, 1941 wieder geschätzt als wichtiger Schlüssel zu seinem Werdegang.
Quellen
- Hermann Hesse: Eine Stunde hinter Mitternacht. Erstausgabe Eugen Diederichs Verlag, Leipzig 1899.
- Wikipedia: Eine Stunde hinter Mitternacht – Entstehung, Erscheinungsdaten, Rolle von Helene Voigt-Diederichs, Rilkes Rezension, spätere Auflagen.
- Hermann Hesse: Geleitwort zu Eine Stunde hinter Mitternacht. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1941.
- Hermann Hesse: Gesammelte Werke in zwölf Bänden. Werkausgabe der edition suhrkamp. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1970 – Wiederabdruck der Rilke-Besprechung.
- Bernhard Zeller (Bearb.): Hermann Hesse. Eine Chronik in Bildern. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main, erweiterte Auflage 1977 – Titelblatt der Erstausgabe.